02. bis 04. Oktober, die Tage unserer CPL (Commercial Pilot License) Skill Tests – das grosse Ziel unserer Phase in Vero Beach, Florida. Doch die Reise begann über zwei Monate früher in Zürich...

LX64 Ready for Boarding


Nach mehreren Briefings und einem enormen Visumprozess im gesamten Frühling war es am 29. Juni endlich so weit: Unsere Reise nach Florida und somit die zweimonatige Ausbildungsphase in Amerika konnte beginnen. Dem neunstündigen Flug über den Atlantik folgte ein Wochenende zusammen mit der ganzen Klasse in Miami Beach, um den Jetlag auszugleichen. Bereits eineinhalb Tage später ging es von Miami weiter nach Vero Beach – unserem Ausbildungsstandort der nächsten Monate. Die „kurze“ zweieinhalb-stündige Autofahrt in den Norden war ebenfalls eine Angewöhnung an den Lebensstil der nächsten Monate.

N-2FC, wind 050 at 7, cleared for take-off Runway 4


Nach einer knappen Woche bestehend aus Zimmerbezug, Orientierung in der neuen Stadt, operationellen Briefings und technischen Kursen zum neuen Flugzeug, stand am Freitag unserer ersten Woche in Vero Beach bereits der erste Flug auf dem Programm. Ein Angewöhnungsflug unter Sichtflugregeln (VFR). Grund zur Angewöhnung gab es genügend: Eine neue geographische Umgebung, neu Flugzeuge, neue Luftraumstrukturen und – nicht zu vernachlässigen – eine etwas gewöhnungsbedürftige Handhabung der Standartfunksprache.

Auf diese wenigen Angewöhnungsflügen folgten sofort unsere ersten Flüge unter Instrumentenflugregeln (IFR). Die IFR-Ausbildung bildete zusammen mit dem Erfahrungsaufbau und der späteren Ausbildung auf mehrmotorigen Flugzeugen das Schwergewicht unserer Ausbildung in Amerika.

Der Sommer bestand insgesamt aus zwei Phasen, welche uns auf den Checkflug im Oktober, sowie auf die nächste Phase in Europa vorbereiteten. Die erste Phase wurde ausschliesslich auf der einmotorigen Piper Warrior geflogen, welche mit einem Garmin G500 Glascockpit und zwei Garmin G650 GPS sehr gut ausgerüstet war. Hauptinhalt war hier die Angewöhnung an die neue Umgebung, erste Erfahrungen im Instrumentenflug sammeln, Nachtflugtraining und der allgemeine Erfahrungsaufbau. Die zweite Phase absolvierten wir auf der zweimotorigen Piper Seminole, welche im Cockpit identisch zur Piper Warrior ausgerüstet war. Hier stand das Fliegen von mehrmotorigen Flugzeugen, die Vertiefung der IFR Ausbildung und die Vorbereitung auf den CPL Checkflug im Vordergrund.

Neben dem Flugalltag

 

Wir wollten natürlich keines Falls verpassen, Florida auch vom Boden aus zu erkunden! Fast alle Wochenenden boten etwas Zeit für einen Ausflug zusammen mit der gesamten Klasse oder einem Teil davon. Darunter waren Trips nach West Palm Beach, nach Orlando mit den vielen Themen Parks, nach Tampa mit den Busch Gardens, zum Kennedy Space Center in Titusville und zu einigen weiteren Destinationen.

Natürlich bot auch Vero Beach die eine oder andere Erholungsmöglichkeit. Eine Bootstour am Wochenende, ein Strandtag oder ein Kinoabend waren eine willkommene Abwechslung zum Flugalltag. Für einen Volleyballmatch, ein Tischtennis Turnier, oder ein gemeinsames Nachtessen fanden wir auch oft an den Abenden unter der Woche Zeit, sofern wir keine Nachtflugausbildung hatten.

Nacht über Florida

 

Wie erwähnt, war auch die Nachtflugausbildung ein Teil unserer Phase in Amerika. Nachtflüge stellten ganz neue Anforderungen an die Vorbereitung, die Arbeit im Cockpit und an die Navigation in der Luft. Taschenlampen mit rotem Licht halfen uns beispielsweise die Checklisten und Anflugkarten im Cockpit zu lesen und gleichzeitig nicht geblendet zu werden. In der Luft unterstützten breite, gut beleuchtete Autobahnen und markant beleuchtete Brücken die Navigation, wobei ländliche Gebiete oder eintönig beleuchtete Siedlungsgebiete die Navigationskünste jedes einzelnen von uns extrem forderten. Begleitet wurden diese Flüge oft von einer Ruhe auf den Funkfrequenzen, wie man sie vom Fliegen am Tag kaum kennt. Der wenige Verkehr in der Nacht ergab oft eine fast persönliche Betreuung durch den Fluglotsen. Die Nachtflüge waren eine imposante Erweiterung unserer fliegerischen Ausbildung.

Irma


Gegen Ende August begann allmählich die Anspannung zu steigen. Der Sommer in Florida ist bekanntlich Hurricane-Season und auch während unserer Zeit in Vero Beach blieb Florida leider nicht verschont. Hurricane Irma steuerte via die Karibik und Key West direkt auf das Festland zu. Dabei waren präzise Vorhersagen über den genauen Verlauf schwierig und variierten von Tag zu Tag. Doch eines war klar: Der Hurricane wird uns direkt betreffen, auch wenn noch nicht klar war, wie stark Floridas Ostküste getroffen würde. Die Anspannung aller Personen begann merklich zu steigen – beim traditionellen Mittagessen im nahegelegenen Rio Coco Café war Irma das Gesprächsthema Nummer eins. Auch in den Supermärkten sah man sehr eindrückliche Bilder von leergekauften Brot- und Wasserregalen. Wenige Tage vor dem prognostizierten Eintreffen des Sturmes begannen auch die ersten Tankstellen zu schliessen, da sie schlicht kein Benzin mehr hatten.

Auch wir starteten unsere Vorbereitungen und planten verschiedene Varianten. Der Wunsch des Swiss Aviation Trainings war es, dass wir den Sturm nicht aussitzen, sondern das gefährdete Gebiet verlassen. Als zwei Tage vor dem Eintreffen des Sturmes die Flugschule definitiv entschied den Flugbetrieb für die nächsten Tage einzustellen, machten wir uns auf den Weg von Vero Beach nach New Orleans. Wir waren definitiv nicht die einzigen, welche unterwegs waren.
Was der knapp 14-stündigen Fahrt folgte, waren einige der spannendsten Tage ausserhalb von Vero Beach. Sie wurden aber trotzdem geprägt von der Ungewissheit wie sich die Lage in Florida weiterentwickelt. Fernsehberichte, Online News und Diskussionen über die Geschehnisse waren allgegenwärtig. Nach einer knappen Woche entspannte sich die Lage soweit, dass die Aufräumarbeiten in Florida beginnen konnten und die ersten Shops und Tankstellen wieder öffneten. In Koordination mit der Flugschule machten wir uns auch bald auf den Rückweg, um wieder mit dem Flugtraining fortzufahren.

 


TAF KVRB 102350Z 1100/1124 12040G64KT 3SM SHRA BKN015 OVC040


Vero Beach wurde nicht direkt getroffen, doch die extremen Winde verursachten trotzdem viele Schäden. Eindrücklich war der Anblick des früher 100m breiten Strandes, von welchem der Wind noch 50m liegen liess!

Seminole-03C, cleared for VOR Approach Runway 12R


Der Wiederstart des Flugbetriebes markierte ebenfalls den Beginn der zweiten Flugphase auf der Piper Seminole. Nebst dem intensiven Training bezüglich des zweimotorigen Fliegens waren weitere IFR-Streckenflüge ein Hauptinhalt der Phase. Dank der 140 Knoten Cruise Speed, konnten wir uns auch besser in das Anflugsystem der Flughäfen eingliedern, ohne den gesamten Verkehr auszubremsen.
Parallel zu diesen normalen Flügen stand in diesen Wochen zudem das Upset Recovery Training auf dem Programm. Auf insgesamt vier Flügen wurde das Auffangen des Flugzeuges aus verschiedensten, ungewöhnlichen Fluglagen trainiert. Das Ziel dieses Trainings war, das Flugzeug aus diesen potentiell gefährlichen Situationen sicher retablieren zu können. Die Flüge fanden zusammen mit Christian Bolton statt, einem aktiven Red Bull Air Race Piloten aus der Master Klasse. Die Flüge waren das fliegerische Highlight vieler Personen unserer Klasse.

Das Ende rückt näher…


Es war bereits Ende September und schon bald standen die CPL Checkflüge an. Die letzten Flüge vor den Checks fokussierten vor allem auf die Vorbereitung im Bereich Sichtflug, da die Prüfungsflüge ebenfalls unter Sichtflugregeln stattfanden. Kurz vor Beginn unserer letzten Woche in Amerika reisten die vier Schweizer Prüfungsfluglehrer an. Ab dem letzten Vorbereitungsflug begann sich schlussendlich die Wetterlage zu verschlechtern. Starker Regen, eine tiefe Wolkenbasis oder starker Wind waren an der Tagesordnung.


METAR KVRB 031153Z 06019G30KT 10SM FEW016 FEW022 OVC040 25/23 A3009


Die Tage der Prüfungsflüge waren diejenigen, welche uns bisher am meisten gefordert haben. Es galt die Wetterverhältnisse genau abzuschätzen und einen Entscheid über die Durchführung des Fluges zu treffen. Die Flüge selbst waren weiter geprägt von laufenden Situationsbeurteilungen und einer rollenden Flug(um)planung. Wir griffen auf sämtliche unserer erlernten Fähigkeiten zurück und bestanden damit alle unsere Prüfungsflüge.
Mit unserer neu erworbenen Berufspilotenlizenz in der Tasche und enorm vielen Eindrücken und Erfahrungen machten wir uns auf den Weg zurück in die Schweiz, wo uns die nächste Phase in Grenchen bereits erwartete.